
Gemäß der Yogacara-Schule gibt es acht Bewusstseinsarten, die auf drei Ebenen verteilt sind. Die erste Ebene umfasst die ersten sechs Bewusstseinsarten, nämlich unsere fünf Sinne plus den Verstand, also die mentale Verarbeitung der Sinneseindrücke. Beispiel: Unser „Augenbewusstsein“ sieht ein Objekt und das sechste Bewusstsein, also der Verstand, erkennt dieses Objekt als „Katze“ (vergleichbar mit der Funktion in modernen Handykameras, die automatisch erkennt, ob die Kamera auf ein Tier oder eine Blume gerichtet ist).
Diese Information geht anschließend weiter auf die zweite Ebene, auf der sich das siebte Bewusstsein, manas genannt, befindet. In manas, dem siebten Bewusstsein, sitzt das „Ich-Bewusstsein“, das die Katze als ein Objekt verschieden von sich selbst wahrnimmt: „Das bin ich – und das ist eine Katze“. Durch diese Unterscheidung zwischen sich selbst und einem Objekt passiert automatisch auch eine Bewertung, denn das Ich wird versuchen, die Beziehung zwischen sich selbst und dem Objekt zu definieren: „Ich mag Katzen“ oder „Ich habe Angst vor Katzen“. Im siebten Bewusstsein entsteht somit unser positiv-negativ-Denken.
Selbstreflexion: Suche dir irgendein Objekt in deiner Nähe, benenne es und beobachte, was für Assoziationen dabei in manas entstehen.
Basierend auf der Bewertung des Objekts werden wir dann eine Handlung ausführen: Wenn ich Katzen mag, werde ich das Tier zum Beispiel streicheln. Dabei mache ich eine Erfahrung, zum Beispiel, dass die Katze sich streicheln lässt – oder, wenn ich Pech habe, sie mich beißt. Diese Erfahrung generiert ein "Samenkorn“, das schließlich im achten Bewusstsein, der tiefsten Ebene, gepeichert wird. Dort liegen Samenkörner für alles, was wir je erlebt haben – nicht nur in diesem Leben, sondern, wenn man an die Wiedergeburt glaubt, auch in allen Leben davor.
Diese Samenkörner wiederum können reifen und steigen dann und wann wieder an die Oberfläche, um die ersten sieben Bewusstseinsarten zu beeinflussen. Beispiel: Wenn die Katze mich gebissen hat, werde ich das nächste Mal, wenn ich eine Katze treffe, wahrscheinlich vorsichtiger sein und sie vielleicht nicht sofort streicheln - das Samenkorn der letzten Begegnung mit der Katze hat also die Bewertung im siebten Bewusstsein verändert. Das achte Bewusstsein ist in vielen Aspekten vergleichbar mit dem Unterbewusstsein der westlichen Psychologie.
Selbstreflexion: Was für Samenkörner haben die Assoziationen in manas hervorgerufen, die du in der vorherigen Übung beobachtet hast? Auf was für früheren Erfahrungen basiert deine Bewertung des Objekts?
Laut der buddhistischen Lehre sind es diese Samenkörner mit all unseren Erfahrungen, die nach dem Tod „übrig bleiben“ und die sich schließlich, je nachdem wie wir sie „geprägt“ haben, erneut in einem physischen Körper manifestieren. Und so werden wir im nächsten Leben also zum Beispiel ein Papagei, wenn unser Wirken und Handeln genügend Samenkörner mit entsprechenden Eigenschaften generiert hat. Vereinfacht gesagt: „Du wirst, was du innerlich bist.“
