Was ist eine „Person“?

Wir sagen mindestens hundert Mal pro Tag „Ich“ – zum Beispiel wenn wir ein altes Foto ansehen und erzählen: „Ja, da war ich drei Jahre alt und habe gerade mein erstes Kinderfahrrad bekommen!“ Wir setzen mit dieser und ähnlichen Aussagen voraus, dass das dreijährige Ich auf dem Foto und das erwachsene Ich, das das Bild kommentiert, ein und dieselbe Person sind.  

Und wir setzen auch voraus, dass wenn „ich nächstes Jahr nach Norwegen in Urlaub fahre“, es immer noch dasselbe Ich sein wird, das die Reise antritt. Wir lieben es auch, der eigenen Person Stempel aufzudrücken, etwa „Ich bin untalentiert für Musik“, oder „Ich habe eine Zwangsstörung“.

Selbstreflexion: Was für Stempel drückst du dir öfter mal auf? 

Vereinfacht gesagt stellen wir uns also mit jedem solchen „Ich“-Satz vor, dass es irgendwo tief in unserem Inneren etwas gibt, das als unsere „Essenz“ unveränderlich ist und Vergangenheit und Zukunft, dieses und das nächste Leben, miteinander verbindet. Und genau darin liegt laut dem Buddha ein Denkfehler. Denn hätten wir tatsächlich eine unsterbliche, unveränderliche „Essenz“, die bestimmte Eigenschaften besitzt und deshalb Anna für alle Zeiten zu Anna und Peter auf ewig zu Peter macht, dann wäre jegliche spirituelle Praxis nutzlos; wir könnten uns nicht mehr weiterentwickeln, weder im positiven, noch im negativen Sinne. Im alten Indien war die Idee einer unsterblichen „Seele“ die Grundlage für die Einteilung der Menschen in verschiedene Kasten, denn man argumentierte, dass die Seele bereits vor der Geburt eben dieser oder jener Kaste angehörte. Und dagegen sprach sich der Buddha aus. 

Dass es im Buddhismus kein „Ich“ im oben beschriebenen Sinne gibt, bedeutet jedoch nicht, dass wir nicht existieren – es bedeutet nur, dass wir uns ständig verändern. Denn die buddhistische Lehre sieht den Menschen als Kontinuum, das sich aus dem Zusammenspiel von fünf Komponenten ergibt: dem physischen Körper, den Sinneswahrnehmungen, den Gedanken, den Handlungen und dem Bewusstsein. Diese fünf sog. „skandhas“ beeinflussen sich wechselseitig und kombinieren sich in jedem Moment neu, mal tritt dieses, mal tritt jenes in den Vodergrund. Dadurch, dass jeder Moment aber kausal vom vorherigen Moment abhängt, entsteht Kontinuität: Wir können zwar altern, uns die Haare wachsen lassen, etc., aber wir können uns nicht im nächsten Moment von einem Menschen in einen Elefanten verwandeln. 

Selbstreflexion: Richte deine Achtsamkeit ein oder zwei Minuten lang auf deine fünf Skandhas und beobachte, wie sie sich verhalten und wie sie in steter Veränderung sind. 

Und die Wiedergeburt? Wenn wir sterben, löst sich der physische Körper auf, und mit ihm natürlich auch die Sinneswahrnehmungen, die Gedanken und Handlungen, die auf unserer Wahrnehmung basieren. Übrig bleibt: Ein sehr tief liegender Teil unseres Bewusstseins, der sich laut der buddhistischen Lehre gemäß seinen Eigenschaften im nächsten Leben wieder neu manifestiert. Dazu aber mehr im nächsten Artikel „Die acht Bewusstseinsarten“.