Wie sollte man dem Zwang begegnen?

Wie sollten wir also dem Zwang begegnen? Der derzeitige Goldstandard in der modernen Psychotherapie, die Verhaltenstherapie mit Exposition (engl. ERP), sieht vor, dass Betroffene lernen, sich ihrer Angst zu stellen und dabei dem Drang widerstehen, Zwangshandlungen auszuführen. Das ist jedoch alles andere als einfach, wie diejenigen, die es ausprobiert haben, vermutlich bestätigen werden.

Innere Stärke/Motivation: Die Cheng Wei Shi Lun lehrt, dass wir, bevor wir an emotionalen Problemen arbeiten können, zunächst innere Stärke aufbauen müssen. Sie besteht aus fünf Komponenten: Erstens, das "Tragen einer Rüstung", die du dir in unserem Selbsthilfe-Programm als warmes Licht um deinen Körper vorstellst. Zweitens, deine Motivation muss so stark sein, dass du, drittens, dich von Rückschlägen nicht abschrecken lässt und viertens, niemals aufgibst; so dass du schließlich, fünftens, mit nichts weniger zufrieden bist als dem Ziel, das du dir gesetzt hast. 

Die ersten Tage des 14-tägigen Selbsthilfeprogramms zielen deshalb darauf ab, innere Stärke aufzubauen. Sie legt den Grundstein für eine erfolgreiche Meditation. Wenn du die Tricks des Zwangs durchschauen willst, ist die Voraussetzung dafür zuallererst ein ruhiger Geist. Wir alle kennen das – hast du schon einmal versucht, eine komplizierte Matheaufgabe zu lösen, während du innerlich aufgewühlt warst? Wahrscheinlich gelingt es dir viel besser, wenn du ruhig und entspannt bist, oder? 

Den Zwang durchschauen: Anschließend werden wir versuchen, den Zwang zu "durchschauen". Laut der CWSL durchläuft man auf dem Weg zur Erleuchtung vier Phasen, und obwohl die meisten von euch wahrscheinlich nicht gleich das Ziel haben, ein Buddha zu werden ;-), machen dieselben vier Phasen auch Sinn, wenn man ein Zwangs-Denkmuster verändern möchte. Sie sind: 

     „Das Herz erwärmen": Das machen wir zu Beginn jeder Sitzung, um deine innere Stärke zu aktivieren, siehe oben

     „Spitzenerfahrungen": wir erleben vereinzelt Momente der Einsicht darüber, wie die acht Bewusstseinsarten uns täuschen

     „Dauerhafte Beobachtung": die Einsicht ist nun kontinuierlich vorhanden

     „Verwirklichung": die Einsicht ist nicht mehr nur bloßes Faktenwissen, sondern kann in der Praxis umgesetzt werden. An diesem Punkt hast du erfolgreich die Kontrolle über dein Leben zurückerlangt.

Im Selbsthilfeprogramm wirst du dir ein "Zwangs-Samenkorn" wählen, an dem du arbeiten möchtest und mit fortgesetzem Üben wirst du idealerweise eben diese vier Phasen durchlaufen; sodass das Samenkorn letztendlich seine Macht verliert. 

Proliferation verhindern: Wie im vorangegangenen Artikel erläutert, "hast" du keine Zwangsstörung, sondern erlebst eine Reihe aufeinander folgender „Zwangs-Momente“. Das bedeutet, dass unser Ziel darin besteht, diese Kette zu durchbrechen und zu verhindern, dass immer wieder weitere „Samen der gleichen Art" entstehen (siehe vorheriger Artikel). Samen aus der Vergangenheit können in der Zukunft nur dann Probleme verursachen, wenn sie auch in der Gegenwart vorhanden sind - und genau hier können wir das Unkraut mit der Wurzel ausreißen. 

Indem wir uns nämlich darin üben, im Hier und Jetzt zu bleiben und zu erkennen, dass die durch die Samenkörner hervorgerufenen Gedanken nichts weiter als ein kurzes Aufflackern einer illusorischen Realität sind, können wir allmählich lernen, die Gegenwart „herauszuschneiden" und die Samenkörner ihrer Kraft zu berauben - so dass sie nicht mehr „in die Zukunft hineinsprießen“ können. 

Kusala fördern: Im Hier und Jetzt zu bleiben klingt einfach – aber warum ist es in der Praxis so schwer? Das liegt daran, dass es eine Reihe von Faktoren gibt, die uns daran hindern, "kusala" zu bleiben, d. h. einen ruhigen und klaren Gemütszustand aufrechtzuerhalten (du kannst im Abschnitt „Kusala und Akusala“ mehr darüber lesen). Die CWSL spricht von sechs primären und zwanzig sekundären emotionalen Hindernissen (alle akusala!), die wie eine Mauer zwischen dir und Phase vier („Verwirklichung“, siehe oben) stehen. Du kannst dir diese Hindernisse auch als einen riesigen Handmixer vorstellen und deinen Geist als ein Wasserbecken; obwohl das Wasser kristallklar ist, kannst du den Grund des Beckens nicht sehen, weil der Mixer die Oberfläche ständig in Aufruhr hält! Wenn der Zwang dich packt, läuft der Mixer auf Hochtouren. 

Die gute Nachricht ist: kusala ist immer stärker ist als akusala. Das heißt, wenn wir mehr Kusala-Gemütszustände kultivieren (die CWSL listet elf), dann können wir den Mixer allmählich verlangsamen, bis er schließlich zum Stillstand kommt und wir endlich den Grund des Wasserbeckens sehen können. Das Selbsthilfeprogramm enthält daher nicht nur eine tägliche geführte Meditation, sondern auch ein pdf mit einem Mandala-Ausmalbuch, das dir helfen soll, dein Kusala-Akusala-Verhältnis vor und nach der Meditation zu visualisieren (du kannst es im Abschnitt „Infos zu den Übungen“ herunterladen).