
Aus der Sicht der buddhistischen Psychologie "hast" du keine Zwangsstörung, denn wie du im vorherigen Abschnitt gelernt hast, kennt die buddhistische Logik keine unveränderliche „Person“, der man ein solches Etikett anheften könnte.
Vielmehr erlebst du eine Reihe von aufeinander folgenden "Zwangs-Momenten“, die sich aus einem Zusammenspiel verschiedener Faktoren ergeben. Eine "Behandlung" im Sinne der buddhistischen Psychologie würde daher nicht darauf abzielen, einen "Zustand" zu verändern, sondern jeden Moment im Augenblick seines Auftretens zu bearbeiten; wie das funktioniert, werden wir im nächsten Artikel besprechen.
Lass uns zunächst einen Blick darauf werfen, wie die Cheng Wei Shi Lun das Auftreten von psychischen Problemen wie Zwängen erklärt. Selbstverständlich ist jeder Zwang anders, aber im Grunde entstehen sie stets aus dem Zusammenspiel der folgenden in der CWSL beschriebenen Faktoren:
1) Objekte: Die acht Bewusstseinsarten nehmen Objekte wahr, verarbeiten sie und erzeugen schließlich ein Bild davon, das wir als "Realität" annehmen (siehe "Grundlagen der buddhistischen Psychologie"). Laut der CWSL gibt es jedoch einige Objekte, wir könnten sie „Trigger“ nennen, die für die Psyche einfach "zu viel" sein können. Die CWSL nennt sie "stark einflussreiche Objekte", die "Körper und Geist überwältigen, zwingen und ihnen die Kontrolle entreißen, so dass man sich dem Einfluss eine Zeit lang nicht entziehen kann. Es ist, als ob man in einer brennenden Hölle oder einem Himmel der Glückseligkeit feststeckt." * (Viele Zwangs-Betroffene würden wahrscheinlich zustimmen, was das Gefühl des Feststeckens in einer Hölle angeht).
2) Emotionale Hindernisse: Die CWSL kennt sechs primäre und zwanzig sekundäre emotionale Hindernisse (letztere sind verschiedene Varianten der ersteren), die einem Zustand der inneren Ruhe entgegenwirken. Für Zwänge sind zwei der primären Hindernisse, nämlich "Zweifel" und "fehlerhaftes Denken", besonders relevant. „Zweifel" meint ein Gefühl der Unsicherheit, das den Geist instabil macht und uns daran hindert, klar zu denken. Dies wiederum ebnet den Weg für "fehlerhaftes Denken", d. h. für die "Interpretation der Realität durch eine Linse der Illusion", wie es die CWSL ausdrückt.
Das bedeutet, dass wir das, was wir wahrnehmen, falsch interpretieren oder überbewerten, so dass die Dinge manchmal sogar das Gegenteil von dem zu sein scheinen, was sie tatsächlich sind. Ein Beispiel dafür ist das „magische Denken“, das typisch bei Zwangsstörungen ist (die Angst, dass etwas wahr wird, nur weil man daran denkt)**, und allgemein die Vorstellung, dass die alptraumhafte Realität, die die Zwangsgedanken heraufbeschwören, "wahr" ist. Der CWSL zufolge ist eine Realität umso "wahrer", je mehr Gefühle im Spiel sind. Und da es sich bei Zwängen um eine Form von Angststörung handelt, ist die Menge der beteiligten Emotionen natürlich RIESIG.
Eben deshalb ist es so schwer, nicht zu glauben, was der Zwang einem einflüstert. Je nach Art des Zwangs kann „fehlerhaftes Denken“ auch in anderer Form eine Rolle spielen. Bei religiösen Zwängen beispielsweise besteht laut der CWSL ein Teil des Problems darin, dass man sich übermäßig an eine ewige Existenz in der Vergangenheit und Zukunft klammert; deshalb entsteht zum Beispiel die Angst, dass blasphemische Gedanken die eigene Seele auf ewig mit Sünde beflecken (ein Phänomen, das in der Psychologie als "Gedanken-Handlungs-Fusion" bekannt ist)**.
Dem Buddha zufolge sind solche Ängste unbegründet; wenn du möchtest, lies im Artikel „Was ist eine Person?“, wie er das Konzept der "Seele/des Selbst" interpretiert. Hass und Stolz sind zwei weitere primäre Hindernisse, die bei bestimmten Zwangs-Themen eine Rolle spielen können. Hass kann z. B. bei Gewaltfantasien mit im Spiel sein. Achtung: "Hass" bedeutet in diesem Fall nicht, dass du die Person hasst, die in den Zwangsfantasien zu Schaden kommt! Sondern, dass du die Vorstellung hasst, ihr zu schaden! Tatsächlich sind Zwangsgedanken sehr oft komplett gegenteilig zum Charakter einer Person - sie zeigen etwas, das die Person innerlich sehr stark ablehnt und das sie niemals tun würde (und eben das macht diese Gedanken so quälend!).
Stolz wiederum kann eine Rolle spielen, wenn man bedenkt, dass viele Menschen, die unter Zwängen leiden, sehr hohe Ansprüche an sich selbst stellen. Obwohl dies an sich nicht unbedingt ein Problem ist, besteht die Gefahr, dass man sich - unbewusst? - für "besser" als andere hält, oder das übermäßige Bedürfnis verspürt, immer und überall "der Beste" zu sein, sei es bei der Arbeit, in der Schule oder in Bezug auf Tugendhaftigkeit. Dies ist typisch für Zwangs-Themen, die mit Perfektionismus zu tun haben.
Unter den sekundären Hindernissen ist die "ängstliche Unruhe" sicherlich eines, das die meisten von Zwängen Betroffenen gut kennen. Damit ist gemeint, dass man ständig nervös und besorgt ist und deshalb nicht klar denken kann, man ist unfähig zur Selbstreflexion. Auch permanentes Grübeln, ein typisches Phänomen bei Zwängen, ist eng mit diesem Hindernis verbunden.
Hast du dir auch schon einmal alle möglichen "Erklärungen" einfallen lassen, wenn jemand deine Zwangshandlungen bemerkt hat, weil du Angst hattest, dass man dich auslachen würde, wenn die Leute wüssten, dass du unter Zwängen leidest? Dann hat sich in diesem Moment das HIndernis "Fehler nicht eingestehen" bemerkbar gemacht, womit gemeint ist, dass man Schwächen aus Angst vor dem "Verlust von Vorteilen" zu verheimlichen sucht. Laut der CWSL handelt es sich bei diesem sekundären Hindernis um eine Mischung aus den beiden verbleibenden primären Hindernissen, nämlich "Gier" und "Verwirrung".
Zwangs-Themen, die zu Hoarding-Verhalten führen, können wiederum mit "Geiz" zusammenhängen, d. h. mit der Unfähigkeit, Besitz loszulassen (die CWSL bezieht dies hauptsächlich auf Reichtum, um den es bei Verlustängsten nicht immer unbedingt geht, aber im weiteren Sinne könnte dieses Hindernis trotzdem auch bei dieser Art von Zwängen eine Rolle spielen).
Und es gibt noch mehr; vielleicht hast du schon mal "Ärger" auf dich selbst gehabt, weil du den Zwang immer noch nicht überwunden hast; oder du grübelst oft über vergangene Situationen nach und versuchst sie im Nachhinein zu analysieren – das ist in der CWSL eine Form von "Groll". Wir könnten so weitermachen, aber an dieser Stelle verweise ich einfach auf die vollständige Liste der primären und sekundären Hindernisse, die du im Abschnitt „Infos zu den Übungen“ in der beigefügten pdf-Datei findest; du wirst sie im Selbsthilfe-Programm verwenden. Was wir jedoch festhalten können, ist, dass Zwänge mit einer Vielzahl von emotionalen Hindernissen verbunden sind, wodurch großer innerer Druck entsteht. Und deshalb greifst du immer wieder auf Zwangshandlungen zurück, um diesen Druck abzulassen.
3) Nahrung: Zwangshandlungen wiederum sind das, was die CWSL als "Nahrung" des Bewusstseins bezeichnen würde. In der Schrift werden verschiedene Arten von Bewusstseins-nährenden Faktoren aufgezählt, aber wir wollen uns hier vor Allem auf die "Nahrung durch Kontakt" konzentrieren, was bedeutet, dass der Kontakt mit einem Objekt eine beruhigende Wirkung auf den physischen Körper hat. Wenn man eine Zwangshandlung ausführt, wird das innere Druckgefühl weniger, und infolgedessen lässt die Stressreaktion im Körper nach. Ganz so, wie wenn man sich nach einem schlechten Tag besser fühlt, wenn man ein leckeres Stück Kuchen isst.
Die Zwangshandlung ist dein Stück Kuchen, und wenn du ihr nachgibst, "nährt" sie dich, weil sie dir ein Gefühl der Erleichterung verschafft. Doch es gibt noch eine weitere Art von „Nahrung“, die in der CWSL als "Nahrung durch Bewusstsein" bezeichnet wird; sie bezeichnet die Eigenschaft, Objekte zu „behalten“, und bezieht sich daher auf das achte Bewusstsein, in dem alle unsere Erfahrungen gespeichert sind. Diese Nahrung macht alle anderen Arten von Nahrung noch nahrhafter!
Mit anderen Worten: Die Zwangshandlung nährt nicht nur deinen physischen Körper, sondern auch die Zwangsstörung selbst, weil die Erfahrung, (scheinbar erfolgreich) mit dem Stress umgegangen zu sein, ein Samenkorn im achten Bewusstsein erzeugt.
4) Samenkörner: Du hast im vorherigen Abschnitt gelernt, dass alles, was wir erleben, Samenkörner erzeugt und dass diese im achten Bewusstsein (dem Unterbewusstsein) gespeichert werden. Es gibt verschiedene Arten von Samen, die in der CWSL beschrieben werden, aber für Zwänge sind die so genannten "Samen, die aus Samen der gleichen Art hervorgehen" am wichtigsten. Das bedeutet, dass bestimmte Samen sich vermehren und weitere, gleichartige Samen erzeugen.
Du lernst zum Beispiel, dass ein bestimmter Trigger einen bestimmten Zwangsgedanken hervorruft. Infolgedessen wird dieser "Samen" mehr von der gleichen Art hervorbringen, und jedes Mal, wenn du auf diesen Trigger triffst, kommt der Zwang hoch. Aufgrund der „Nahrung“ (siehe oben) wird es auch Samen für deine Zwangshandlungen geben, weil du lernst, dass zwanghaftes Verhalten dir kurzfristig hilft, dich besser zu fühlen. Folglich werden sich auch diese Samen vermehren.
5) Infrastrukturen: Dieser Lerneffekt wird durch ein fünfzehnfaches System von "Infrastrukturen", die das Bewusstsein stützen, noch verstärkt. Besonders relevant für Zwänge ist Nr. 2, die so genannte "Infrastruktur der Erfahrung". Sie ist dafür verantwortlich, dass in einer bestimmten Situation nur dieses, aber nicht jenes Samenkorn ins Bewusstsein aufsteigt. Auf diese Weise legt sie den Grundstein für "voreingenommene Wahrnehmungen".
Einfach ausgedrückt: Das ist es, was die Samen des Zwangs immer wieder und wieder auftauchen lässt und dich dazu veranlasst, immer den schlimmst-möglichen Fall zu erwarten, wenn du die Zwangshandlung nicht ausführst! Die gute Nachricht ist, dass es noch eine weitere Infrastruktur gibt (Nr. 14, genannt "Infrastruktur der Barrieren, die Manifestationen des Bewusstseins verhindern"), deren Aufgabe es ist, die Vermehrung bestimmter Samen zu unterbinden; sie ist es, die wir uns in den Meditationen des Selbsthilfeprogramms zunutze machen werden.
...jetzt hast du einen Eindruck davon bekommen, wie Zwänge mit der Logik der jahrtausendealten buddhistischen Psychologie erklärt werden können...was sollten wir aber demnach tun, um uns aus der Zwangs-Spirale zu befreien? Erfahre mehr darüber im nächsten Artikel.
* Lunde (übersetzt), 2018: On Realizing There is Only The Virtual Nature of Consciousness. Vertrieben durch An Lac Publications, Dritte Auflage.
**Drummond, L. und Edwards, L (2018): Obsessive Compulsive Disorders. All you want to know about OCD for People Living with OCD, Carers, and Clinicians. Cambridge University Press.